2 Ursachen für mangelnde Selbstliebe Teil 2 

 26. Januar 2022

von Imke Köhler

Weshalb es [leider] nicht selbstverständlich ist, uns wirklich selbst zu lieben

Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich über die erste Ursache für mangelnde Selbstliebe geschrieben: wie von Generation zu Generation der Mangel an Liebe und Selbstliebe weitergegeben wurde. Jetzt geht es um unsere Gesellschaft und wie die vorherrschenden Werte uns auf der persönlichen Ebene beeinflussen.

Kontrolle auf allen Ebenen als „Überlebensstrategie“

Die Erfahrungen der Kriegsgenerationen haben in den eigenen Familie Werte geschaffen, die dadurch ganz natürlich die Werte einer ganzen Gesellschaft wurden. Wirtschaftliche Sicherheit und wirtschaftliches Vorankommen prägten die Jahre des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Gleichzeitig soll nicht vergessen werden, dass sich im individuellen Unterbewusstsein der meisten Menschen sehr viele traumatische Erfahrungen unverarbeitet abgespeichert haben. Verdrängt und abgespalten, um weitermachen zu können.

Mangel-an-Selbstliebe

Denn eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung dieser Traumata birgt immer die riesige Angst, vom emotionalen Schmerz existenziell überwältigt zu werden. Also haben die meisten Menschen alles getan, um diesen emotionalen Schmerz unter Verschluss zu halten, um irgendwie die Kontrolle über das eigene Leben wieder zu erlangen. Das bedeutet, dass es in dieser Zeit in der Gesellschaft sowohl auf der persönlichen, inneren als auch auf der äußeren Ebene es darum ging, zu kontrollieren.

Auf der äußeren Ebene wurde das Leben kontrolliert durch die Investition in wirtschaftlichen Aufbau und die Konzentration auf materiellen Besitz – motiviert durch die Illusion, die bessere Kontrolle über Materielles zu haben als über Emotionales. Werte wie Leistung und Besitz traten jetzt nochmals verstärkt in den Mittelpunkt und wurden extrem mit dem eigenen Selbstwertgefühl verknüpft. Je mehr ich leiste und je mehr ich an Besitz habe, umso wertvoller bin ich. Und je härter ich für den Besitz gearbeitet habe, umso mehr steigt nochmals der Selbstwert – so der sich verankernde Irrglaube.

Werte in der Gesellschaft

Auf der persönlichen inneren Ebene wurde der erlebte traumatische Schmerz unter Kontrolle gehalten. Damit verknüpft war jedoch die verstärkte Kontrolle sämtlicher Emotionen. Und der Verlust einer Verbundenheit mit sich selbst. Denn je mehr ich meine Gefühle und Emotionen unterdrücke, verdränge, abspalte, umso mehr verliere ich die Verbindung zu mir selbst und zum Leben.

Denn wir Menschen fühlen uns durch unsere Emotionen lebendig und mit dem Leben verbunden. Und die Verbindung zur Liebe geht verloren. Denn – ich habe es schon im 1. Teil des Blogbeitrags geschrieben – wahre Liebe kann es nur geben, wenn alles angenommen ist. Wird etwas ausgeklammert, weil es – aus welchen Gründen auch immer – ungewollt ist, ist das, was empfunden wird, keine echte (bedingungslose) Liebe, sondern eher eine Form der Anerkennung oder Bestätigung.

Anerkennung und Bestätigung für Leistung und Besitz sind zentrale gesellschaftliche Werte

Und so hat es sich entwickelt, dass die Menschen in den letzten Jahrzehnten danach strebten, Leistung zu bringen, Besitz anzuschaffen und sich den eigenen Selbstwert durch Anerkennung und Bestätigung von etwas außerhalb ihrer selbst attestieren zu lassen. Die mangelnde Verbindung zu sich selbst und den eigenen Emotionen verhindert ein Gefühl von innerer Lebendigkeit und damit auch von innerer Erfüllung. Der Hunger, der daraus entsteht, wird auf das Erleben im Außen projiziert, ohne jemals wirklich gestillt werden zu können.

Hunger nach Anerkennung

Es ist nach wie vor tief verankert, dass die meisten Menschen unbewusst darauf ausgerichtet sind, sich Anerkennung und Bestätigung zu verdienen. Ob es im Arbeitskontext ist oder in familiären Zusammenhängen. Der Gedanke: „Was denken die anderen über mich?“ schwingt unbewusst permanent mit.

Und je nachdem, um welches Gegenüber es sich aktuell handelt, wird alles versucht, das eigene Verhalten entsprechend abzustimmen und anzupassen. In der Hoffnung, vermeintliche Erwartungen zu erfüllen und die gewünschte Reaktion hervorrufen zu können. Oder in der Hoffnung, zumindest keine negative Reaktion zu provozieren.

Die Sucht nach Anerkennung und Bestätigung

Manchmal kommt es mir so vor, als würde in unserer Gesellschaft eine regelrechte Sucht nach Anerkennung und Bestätigung vorherrschen. Denn wie bei einer Sucht gibt es kaum einen Moment, in dem diese gestillt ist. Es gibt immer die Gier nach mehr. Und so ist es auch in punkto Anerkennung und Bestätigung. Wie oft habe ich beobachtet, dass jemand eine Form der Anerkennung, die ihm entgegengebracht wird, gar nicht wirklich annehmen kann. Sie stillt den bisherigen Hunger gar nicht wirklich, sie macht nicht satt.

Selbstliebe ist nicht möglich

Denn durch die verlorene Verbindung zu sich selbst, den eigenen Gefühlen und der eigenen Selbst-Annahme, ist auch das Gefühl für den eigenen Wert verloren gegangen. Es gibt kein Bewusstsein für den eigenen Wert, weil das Selbstwertgefühl ausschließlich von den Resultaten im Außen abhängig gemacht wird. Es fehlt die emotionale Verbindung zum eigenen Wert. Also kann dieser auch nicht gefühlt werden, wenn jemand anderes Anerkennung äußert.

Wenn wir jetzt nochmals die Erkenntnisse zum Generationsaspekt verdeutlichen, ist klar, weshalb es nicht selbstverständlich ist, Selbstliebe und Liebe zu fühlen. Das Kind lernt im Familienkontext, dass es besser ist, bestimmte Anteile von sich selbst zu kontrollieren. Es beginnt, sich selbst immer stärker in Frage zu stellen und selbst zu bewerten, dabei immer den Werten angepasst, die es seinem nahen Umfeld entnimmt.

Wird dieses Kind dann älter und bewegt sich zunehmend außerhalb der Familie, überträgt sich dieses unbewusste Verhalten automatisch auf das gesamte soziale Umfeld. Es registriert unbewusst, was erwünscht ist, welche Persönlichkeitsanteile in welcher Form eine jeweilige Resonanz erhalten und kreiert sich so ein ganz spezielles Bild von der eigenen Persönlichkeit. Die Person strebt danach, dieses Bild von sich zu erfüllen, um im sozialen Umfeld entsprechende Reaktionen zu erhalten, bzw. negative Reaktionen von anderen zu vermeiden.

Selbstbestätigung als Ersatz für Selbstliebe

Selbstbestätigung als Ersatz für Selbstliebe

D.h. hier geht es im unbewussten Fokus immer um das Streben nach Anerkennung und Bestätigung. Das betrifft aber nicht nur das soziale Umfeld, sondern auch den Umgang mit sich selbst. Auch hier geht es im inneren Dialog verstärkt darum, sich selbst, das eigene Agieren zu bewerten, zu vergleichen und zu beurteilen. So gibt es vielleicht tatsächlich auch Momente der Zufriedenheit und der Freude, wenn der Eindruck entsteht, dass die Erfüllung des eigenen Selbst-Bildes und der eigenen Ansprüche besonders gut gelungen ist.

Allerdings hat das nicht viel mit echter Selbstliebe zu tun, weil diese Freude sehr stark an Bedingungen geknüpft ist und von den „Leistungen“ abhängig ist, die sich jemand bewusst oder unbewusst vorgenommen hat. So ist dieses Gefühl kein Gefühl, welches wirklich aus innen kommt und an eine emotionale Sättigung und Erfüllung gekoppelt ist.

Selbstbestätigung als Ersatz für Selbstliebe

„Liebe“ ist meist keine echte Liebe

Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen bzw. „Liebesbeziehungen“ geht es nach der ersten Verliebtheitsphase (in der nochmals andere Faktoren eine Rolle spielen) unbewusst auch mehr darum, wie sehr ich mich vom Partner oder der Partnerin bestätigt und anerkannt fühle.

Es geht eher darum, wie und in welchem Maße die eigenen Bedürfnisse durch die Beziehung erfüllt werden, anstatt um echte, bedingungslose Liebe. Wir sagen zwar: „ich liebe dich“, aber in den seltensten Fällen wird dies in einer bedingungslosen, erwartungslosen Haltung formuliert. Häufiger ist es der Ausdruck für: „Es ist toll, wie du meine Bedürfnisse befriedigen kannst.“

Was uns wirklich satt macht

Und das liegt daran, weil wir in unseren Familiensystemen über Generationen hinweg und innerhalb unserer Gesellschaft die Verbundenheit mit uns selbst verloren haben. Verbundenheit mit uns selbst können wir nur fühlen, wenn wir unsere Gefühle und Emotionen fühlen.

Echte Selbstliebe können wir nur fühlen, wenn wir bereit sind, alle unsere Persönlichkeitsanteile anzunehmen und zu akzeptieren. Je mehr wir alle Anteile von uns – und seien sie auch noch so unschön – annehmen und akzeptieren können, ohne sie verändern zu wollen, umso mehr können wir echte Selbstliebe für uns fühlen. Und das ist das, was uns wirklich emotional satt macht.

Selbstliebe lernen

Je mehr wir uns selbst fühlen, annehmen und akzeptieren und lieben können, umso bedingungsloser können wir auch Liebe – echte Liebe – für andere Menschen fühlen.
Nachdem, wie sich unsere Gesellschaft also über Generationen hinweg entwickelt und ausgerichtet hat, ist es also kein Wunder, dass es nicht selbstverständlich ist, Selbstliebe zu fühlen.

Gleichzeitig gibt es Hoffnung:

  • Wir können es wieder lernen, uns selbst zu lieben.
  • Du kannst es wieder lernen, dich selbst zu lieben.
  • Du lernst es, indem du dich für deine Emotionen öffnest.
  • Du lernst es, indem du deine unbewussten, bewertenden Programme bewusstmachst und sie auflöst.
  • Du lernst es, indem du durch die Annahme deiner Emotionen und das Bewusstmachen deiner Programme immer mehr Verbindung zu dir selbst und deinem Wahren Selbst aufbaust.
  • Du lernst es, indem du durch die Verbindung mit deinem Wahren Selbst immer freier und unabhängiger wirst und leben kannst.
  • Du lernst es, indem du durch diese emotionale Freiheit immer bedingungsloser lieben kannst – dich selbst und andere.

Wenn du in diesem Prozess Unterstützung benötigst, begleite ich dich sehr gerne mit meinen effektiven „Befreiungsmethoden“ innerhalb eines Coachings. Vereinbare jetzt ein kostenloses Erstgespräch.