2 Ursachen für mangelnde Selbstliebe Teil 1 

 21. Januar 2022

von Imke Köhler

Weshalb es [leider] nicht selbstverständlich ist, uns wirklich selbst zu lieben

Die Frage, was es uns so schwermacht, wirkliche Selbstliebe zu fühlen, beschäftigt mich schon lange. Sowohl bei mir selbst, als auch bei den vielen hunderten Menschen, die ich mit meinem Coaching schon begleitet habe, war Selbstliebe eher Mangelware.

mangelnde Selbstliebe - 2 Ursachen

Nach meiner Erkenntnis gibt es zwei Themen, die verantwortlich bestimmen, in welcher Form bzw. in welcher Ausprägung ein Mensch für sich selbst wirkliche Liebe empfinden kann. Selbstliebe oder der Mangel an Selbstliebe ist a) ein Generationsthema und b) ein Gesellschaftsthema. Dabei haben beide wechselseitigen Einfluss aufeinander.

Die An- bzw. Abwesenheit von Liebe und Selbstliebe ist ein Generationsthema

Schauen wir als erstes auf den Aspekt Generation. Kinder lernen und entwickeln sich, indem sie die erwachsenen Bezugspersonen beobachten und imitieren. Sie lernen aus den Reaktionen der Erwachsenen, die diese dem kindlichen Ausdruck entgegenbringen. In den allermeisten Fällen stecken in diesen Reaktionen auf das kindliche Verhalten mehr oder weniger versteckte Bewertungen. D.h. das Kind erlebt über die Reaktion der Erwachsenen, ob sein aktueller Ausdruck gerade willkommen ist, oder in irgendeiner Form abgelehnt wird.

das Kind lernt durch Beobachtung

Das Kind passt mit der Zeit sein Verhalten den Reaktionen der Erwachsenen an. Es lernt, bestimmte emotionale Ausdrucksweisen zu kontrollieren oder sogar zu unterdrücken, wenn diese eher ablehnende Reaktionen geerntet hatten. Oder umgekehrt entwickelt das Kind Verhaltensstrategien, von denen es aufgrund der bisherigen Erfahrungen entsprechende positive Reaktionen erwartet.

Jetzt kommen allerdings zwei weitere Aspekte ins Spiel: 1. Wenn ein Kind in diese Existenz tritt, ist es normalerweise ein Wesen, welches einfach nur sein wahrhaftiges SEIN lebt und ausdrückt – aus seiner Ganzheit heraus. Es folgt selbstverständlich seinen Impulsen, drückt seine Emotionen aus und stellt sich selbst nicht in Frage.

Das Erlernte über Liebe und Selbstliebe wird an die nächste Generation weitergegeben

2. Haben die erwachsenen Bezugspersonen, die sich um das Kind kümmern, selbst nicht gelernt, was es heißt, wirklich zu lieben – also möglichst bedingungslos zu lieben. Es geht mehr darum, gut zu funktionieren, um möglichst unbeschadet das Leben bewältigen zu können. Wir brauchen nur 100 Jahre zurückgehen, um zu verstehen, wie frühere Generationen mit Liebe umgegangen sind.

Viele unserer Eltern und Großeltern haben einen oder zwei Weltkriege erlebt. Jahre voller Gewalt, Schmerz, existenzieller Bedrohungen, Leid, Hunger und traumatischer Erfahrungen. Die Menschen, die diese Kriege überlebt haben, waren dann damit beschäftigt, irgendwie weiterleben zu können. In erster Linie war dies auf die wirtschaftliche Situation beschränkt. Das Bedürfnis, ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch zu haben, war nun durch diese Kriegserfahrungen permanenter Mittelpunkt aller Bestrebungen.

Funktionieren war wichtiger als Lieben

Da ging es nicht darum, die Verbindung mit sich selbst zu finden, oder sich selbst anzunehmen und zu lieben. Eine typische Reaktion auf traumatische Erlebnisse ist das totale Abspalten der Erinnerungen daran. Abgespaltene Anteile verhindern jedoch wirkliche Liebe, denn wahre Liebe bedeutet: Alles bedingungslos annehmen. Also ging es mehr um das Funktionieren, als um das Lieben.

alles bedingungslos annehmen

Das führte automatisch dazu, dass entsprechende Werte an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wurden. In der Kindererziehung ging es darum, dem Kind beizubringen, wie es möglichst gut in der Gesellschaft funktionieren kann, um einerseits konfliktfrei und andererseits wirtschaftlich und existenziell abgesichert durchs Leben kommt. Aufgrund dieser Werten reagierten die Erwachsenen entsprechend auf den kindlichen Ausdruck. So waren beispielsweise Emotionen von Wut, Ärger nicht wirklich erwünscht, weil sie dem Bemühen um gesellschaftliche Anpassung widersprachen.

Alle Emotionen sind gesunder Ausdruck menschlichen Seins

Sämtliche Emotionen sind jedoch gesunder menschlicher Ausdruck und gehören zum menschlichen Leben ganz natürlich dazu. Nur, wenn wir alle unsere Emotionen wahrnehmen, zulassen und fühlen, bleiben wir mit uns selbst verbunden und fühlen uns lebendig. Und der passende Umgang mit Emotionen bei uns selbst und auch bei anderen – insbesondere bei unseren Kindern – ist, sie einfach anzunehmen, ohne sie nach gut oder schlecht zu bewerten. Emotionen sind einfach wie sie sind. Und je mehr wir sie annehmen und zulassen können, umso schneller können sie sich auch wieder verändern und lösen.

echte Liebe fühlen

Das Kind ist grundsätzlich erstmal vollkommen frei in seinem SEIN und in seinem Ausdruck. Erlebt nun dieses Kind auf seinen emotionalen Ausdruck oder auf seine Existenz hin irgendeine Form der Bewertung, lernt es, dass bestimmte Anteile von ihm offensichtlich nicht in Ordnung sind. Und schon entstehen entsprechende Überzeugungen wie z.B. „Ich bin nicht gut genug.“, „Ich bin nicht wichtig.“, „Ich bin nur erwünscht, wenn ich xy bin oder tue.“. Und mit diesen Überzeugungen gehen parallel permanente Vergleiche mit anderen und Selbstbewertungen einher. Alles das komplette Gegenteil von Liebe und Selbstliebe, wo es darum geht, alles bedingungslos mit Mitgefühl und Verständnis anzunehmen.

Das Kind lernt, sich selbst zu bewerten

Das Kind lernt also auf zwei Ebenen, dass es offensichtlich besser ist, sich selbst zu bewerten und bestimmte Anteile von sich zu verdrängen und zu verurteilen. Einmal lernt es diese Haltung durch die Reaktionen der Bezugspersonen auf seine Impulse und seinen emotionalen Ausdruck. Zum anderen lernt es durch Imitation. Das Kind nimmt auf der unbewussten Ebene wahr, dass auch die Erwachsenen bestimmte eigene Anteile verdrängt oder abgespalten haben. Dass auch sie Persönlichkeitsanteile abwerten oder verurteilen, anstatt liebevoll anzunehmen. Kinder streben immer danach, so zu werden, wie ihre Eltern. Das ist ein evolutionär bedingter Prozess, der vollkommen unbewusst abläuft.

Dieser beschriebene Prozess bezieht sich auf „normale“ Familiensysteme. Kommt es jedoch zu außergewöhnlich schmerzhaften Erfahrungen für das Kind innerhalb der Familie, verstärken sich beim Kind die Negativ-Bewertungskriterien sich selbst gegenüber. Finden die traumatischen Erlebnisse schon während der Schwangerschaft statt, prägen sie das Kind auf der unbewussten Ebene, bevor es auf der Welt ist.

„Nicht-Liebe“ wird von Generation zu Generation weitergegeben

Mangelnde Selbstliebe ist also ein Generationsthema. Frühere Generationen sind selbst nicht mit echter Liebe behandelt worden. Dadurch haben sie nicht lernen können, sich selbst wirklich zu lieben. Die von den Eltern erlernten Verhaltensweisen sich selbst und seinen Lieben gegenüber wurden an die nächste Generation weitergegeben.

mit echter Liebe behandelt

An der ein oder anderen Stelle hat vielleicht jemand das Verhalten seiner Eltern in Frage gestellt und sich bewusst dafür entschieden, etwas anders machen zu wollen, anders sein zu wollen, auch in Hinblick auf die Erziehung der eigenen Kinder. Gleichzeitig ist meine Erfahrung, dass es nie echte Liebe und Selbstliebe geben kann, wenn nicht alle eigenen Persönlichkeitsanteile – und wenn sie auch noch so unangenehm sind – angenommen und bejaht sind.

Neben dem Aspekt der Generationsprägungen in Bezug auf Liebe und Selbstliebe gibt es jetzt noch den Aspekt unserer Gesellschaft. Die Übergänge sind jedoch fließend zwischen den beiden. Darüber schreibe ich im 2. Teil dieses Blogbeitrags.