„Ich will doch einfach nur geliebt werden“– Wie die Sehnsucht nach Liebe durch die Liebe selbst gestillt wird

15. August 2025
Imke Köhler
„Ich will doch einfach nur geliebt werden“– Wie die Sehnsucht nach Liebe durch die Liebe selbst gestillt wird. Zu sehen sind zwei offene Hände mit einer Blüte.

In aller Kürze: Das Wichtigste über den Wunsch, geliebt zu werden

Es gibt diesen tiefen Wunsch, der so viele von uns antreibt: einfach nur geliebt zu werden. Geliebt – ohne Bedingungen, ohne dass wir uns verstellen oder anpassen müssen. Doch oft bleibt genau dieses Gefühl aus. Wir können in einer Beziehung sein, Anerkennung bekommen, Komplimente hören – und trotzdem bleibt da dieses leise, nagende Empfinden: Irgendetwas fehlt.

Manchmal zeigt sich dieser Wunsch nach Liebe nicht direkt, sondern versteckt hinter anderen Gefühlen. Hinter der Angst vor Ablehnung. Hinter der Angst, nicht dazuzugehören. Hinter der Angst vor Konflikten. Hinter der Angst, nicht gut genug zu sein. Wenn wir all das aufdröseln, kommen wir immer wieder zum selben Punkt: genau darunter liegt die große, ungestillte Sehnsucht, endlich geliebt zu werden – so, wie wir sind.

Genau dort beginnt eine Spur, die viel tiefer führt, als wir auf den ersten Blick ahnen. Und dieser Weg kann alles verändern: nicht nur, wie wir Liebe erleben, sondern auch, wie wir uns selbst begegnen.

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Die wahre Ursache hinter dem Wunsch, geliebt zu werden

Kürzlich erzählte mir eine Klientin von einer Situation, die sie immer wieder aus der Bahn warf. Wir hatten bereits viele Ursachen gelöst, und trotzdem brachte genau diese eine Situation sie jedes Mal in ihre alten Muster. Sie hing dann in denselben Gedankenschleifen fest, spürte die alten Emotionen – vielleicht etwas abgeschwächt, aber immer noch deutlich genug, um sie zu triggern.

Ich hatte das Gefühl, dass hier ein verletzter, kindlicher Anteil in ihr nach Aufmerksamkeit rief. Ein Anteil, der bisher nicht ausreichend gesehen worden war. Also schlug ich vor, ihm noch einmal Raum zu geben. Ohne etwas verändern zu wollen. Ohne Bedingungen. Einfach nur hinsehen und da sein lassen.

Sie nahm sich die Zeit und wandte sich diesem inneren Kind zu. Sie konnte die Emotionen wahrnehmen, hören, was dieser Anteil zu sagen hatte. Doch zu ihrer eigenen Überraschung spürte sie keinerlei Mitgefühl oder Liebe. Stattdessen war da Wut – und Ärger – auf diesen kindlichen Anteil.

Und genau hier passiert bei vielen innerlich ein Denkfehler: Sie glauben, sie müssten doch jetzt unbedingt Mitgefühl, Liebe oder Verständnis für dieses Kind empfinden. Doch wenn wir uns in etwas hineinpressen, was in diesem Moment gar nicht da ist, verlassen wir uns selbst.

Deshalb ist es so wichtig, behutsam vorzugehen und das zu nehmen, was gerade am stärksten da ist. Wenn es Wut und Ärger sind, dann sind es eben Wut und Ärger. Das Mitgefühl kann warten, bis es von selbst kommt. Alles andere würde bedeuten, sich selbst zu übergehen – und genau das blockiert den eigentlichen Heilungsprozess.

Was bei meiner Klientin sichtbar wurde, ist etwas, das wir alle kennen – wenn auch in unterschiedlicher Form. Unter der Sehnsucht, geliebt zu werden, liegen oft Schichten an Emotionen, die nie wirklich Raum bekommen haben. Und genau darin liegt die wahre Ursache für diesen Wunsch: Hinter der Sehnsucht, geliebt zu werden, steckt oft der Schmerz darüber, in der eigenen Vergangenheit nicht vollständig angenommen worden zu sein – so, wie man wirklich ist.

Viele von uns haben schon früh gelernt, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist: an angepasstes Verhalten, an Leistung, an das Zurückhalten von Gefühlen. Dadurch entsteht ein innerer Mangel, der uns unbewusst antreibt, im Außen nach der Bestätigung zu suchen, die wir damals nicht bekommen haben. Dieser Mangel ist es, der so viele Gedanken, Ängste und Reaktionen steuert – und genau deshalb führt der Weg zur echten Liebe immer zurück zu uns selbst.

Bedingungslos geliebt werden – was bedeutet das wirklich?

Viele von uns tragen tief in sich den Glaubenssatz: „Wenn ich nur so und so bin, dann werde ich geliebt.“ Wir versuchen, bestimmte Seiten von uns zu zeigen und andere zu verstecken – in der Hoffnung, dadurch Anerkennung und Zuwendung zu bekommen. Doch das ist keine bedingungslose Liebe.

Wahre Liebe ist nichts anderes als bedingungsloses Annehmen. Es bedeutet, alles so sein zu lassen, wie es gerade ist – ohne Bewertung, ohne Bedingungen zu stellen. Das klingt einfach, ist aber oft das Schwierigste überhaupt. Denn wir haben früh gelernt, dass manche Gefühle oder Seiten von uns nicht erwünscht sind.

Bei der einen ist es die Wut, die abgelehnt wurde. Bei der anderen die Trauer. Manche dürfen Schwäche zeigen, aber nicht wütend sein – andere dürfen wütend sein, aber keine Tränen zeigen. (Hier weiterlesen: Gefühle zulassen – Warum es für deine Erfüllung wichtig ist zu lernen, deine Gefühle anzunehmen statt zu unterdrücken)

Und es gibt auch die, die zwar alle „negativen“ Gefühle leben dürfen, aber ihre eigene Größe, ihre Talente, ihre strahlenden Fähigkeiten nicht zeigen sollen. Welche Seiten wir ablehnen, hängt von unserer individuellen Prägung ab.

Das ist das, was die meisten gelernt haben – und genau deswegen ist die Sehnsucht nach Geliebt werden so groß, dieser Hunger danach so stark und ungestillt. Aber eigentlich ist es der Hunger danach, so sein zu dürfen, wie man ist. Der Hunger danach, so angenommen zu werden, wie man ist – bedingungslos geliebt und angenommen. Das ist einerseits die schlechte Nachricht, andererseits aber auch die wundervolle gute Nachricht.

Warum schlechte Nachricht? Weil wir so geprägt sind, suchen wir dieses Gefühl fast immer im Außen – beim Partner oder der Partnerin, bei den Eltern, bei Vorgesetzten. Die sollen uns doch bitte schön bedingungslos annehmen und bedingungslos lieben. Aber genau hier liegt das Problem: Wer hat schon gelernt, was es wirklich heißt, bedingungslos zu lieben? Die meisten eben nicht. Darum ist es im Außen kaum machbar, diese Form der Liebe zu finden.

Die gute Nachricht: Wir können sie tatsächlich mit großer Leichtigkeit in uns selbst finden. Genau hier beginnt die innere Arbeit: zu erkennen, welche Anteile wir nicht da sein lassen wollen – und ihnen bewusst Raum zu geben. So wie meine Klientin lernen durfte, der Wut und dem Ärger auf ihr inneres Kind Raum zu geben, anstatt sich sofort zu zwingen, Mitgefühl zu empfinden.

Bedingungslos geliebt zu werden – auch von uns selbst – bedeutet, wirklich alles an uns da sein zu lassen. Die schönen, leichten Seiten genauso wie die ungeliebten und herausfordernden. Erst wenn wir uns selbst diese Erlaubnis geben, können wir erfahren, wie es sich anfühlt, ohne Bedingungen geliebt zu werden.

Wie du lernst, deine Anteile in Liebe zu halten

Wenn es jetzt darum geht, das wirklich praktisch umzusetzen, kommt oft die Frage: Wie mache ich das denn genau?

Eine Möglichkeit ist das bewusste Ja-Sagen, so wie ich es auch in meinem vorherigen Artikel Innerer Widerstand gegen dich selbst beschrieben habe – und wie du es Schritt für Schritt in meinem Selbstlernkurs Einfach frei… lernen kannst.

Die andere Variante ist eine etwas weiblichere Art, mit dir selbst zu sein – in Form von Raum halten, Erlaubnis geben und Empfangen von dem, was gerade da ist. Es geht nicht darum, etwas zu verändern oder sofort ein gutes Gefühl zu erzeugen, sondern um Präsenz und Annahme.

So kannst du es umsetzen – Mini-Anleitung:

  1. Entscheide dich bewusst für echte Zuwendung. Gehe nur in diesen Prozess, wenn du bereit bist, wirklich zuzuhören und wahrzunehmen. Dein Unterbewusstsein merkt, ob dein Interesse ernst gemeint und von Herzen kommt. Wenn du nur „mal kurz ausprobieren“ willst und nach zwei Minuten abbrichst, wird es nicht reagieren. Diese Entscheidung, mit offenem Interesse und Geduld da zu sein, ist der Schlüssel.
  2. Stelle dir einen inneren Raum vor. Einen Ort, der sicher ist und in dem alles, was zu dir gehört, willkommen ist.
  3. Lade bewusst die Anteile ein, die du sonst gerne wegschiebst. Das können Gefühle, Gedanken oder Erinnerungen sein.
  4. Setz dich innerlich zu ihnen. Spüre, wie es ist, einfach nur da zu sein, ohne zu bewerten.
  5. Wenn sich die Anteile nicht zeigen oder ausdrücken, frage sie leise: „Weshalb bist du gerade wichtig?“ Dann warte – in Geduld und Präsenz. Gerade am Anfang kann es mehrere Anläufe brauchen, bis eine Reaktion kommt. Dein Unterbewusstsein wird dir antworten, wenn es spürt, dass du es wirklich hören willst.
  6. Lass sie sich ausdrücken. Das kann in Form von Worten, inneren Bildern, Körperempfindungen – oder einfach nur als Wahrnehmung von Energie – geschehen.
  7. Bleib in liebevoller Präsenz. Du musst nichts tun, nichts lösen, nichts verändern – nur da sein.
  8. Nimm Veränderungen wahr. Sehr häufig geschieht es, dass sich diese Anteile von selbst in Richtung Entspannung, Frieden, Ruhe oder Harmonie bewegen, sobald sie wirklich gesehen und wahrgenommen werden. Erkenne das bewusst an und wertschätze es – feiere im Herzen, dass dieser Wandel geschehen ist. Vertraue deiner Intuition, wann der Moment kommt, an dem es sich rund und vollständig anfühlt.
  9. Bedanke dich. Zum Abschluss bedanke dich bei den Anteilen oder Aspekten, dass sie sich gezeigt haben – und bedanke dich auch bei dir selbst dafür, dass du dir diese Form der Zuwendung geschenkt hast.

In diesem Video zeige dir zusätzlich eine einfache körperliche Geste, die dir helfen kann, noch tiefer in diese liebevolle Verbindung mit dir selbst zu gehen.

Einfach da zu sein – in liebevoller Präsenz, zu hören, zu fühlen, wahrzunehmen, zuzulassen und zu erlauben – das ist praktizierte, bedingungslose Liebe. Vielleicht kannst du das sofort spüren, vielleicht dauert es etwas länger und braucht Wiederholung. Das hängt auch von deiner bisherigen Konditionierung ab.

Manchmal sind mehrere bewusste Zuwendungen nötig, aber manchmal geht es ganz schnell, dass du spürst, wie heilsam sich dieses Erlauben und Raum halten anfühlt. Das Verrückte ist: Du musst im Grunde gar nichts tun – außer diesen Raum zu halten und zuzulassen, was so lange verurteilt, abgelehnt, weggeschlossen, ignoriert oder verdrängt wurde.

Es ist eine absolut passive Angelegenheit – und trotzdem ist ihre Wirkung so kraftvoll und heilsam.

Was sich verändert, wenn du dir selbst Liebe schenkst

Und irgendwann – vielleicht auch überraschend schnell – wirst du die Liebe fühlen, die sich dann in dir ausbreitet. kannst du fühlem, wie dich diese Liebe überflutet. Wie sie die eingeladenen Anteile und Aspekte überflutet, sodass sie darin baden können. Es ist so nährend – und im Vergleich zu dem, was dir andere Menschen an Liebe und Halt geben können, um ein Vielfaches kraftvoller. Denn hier kommt sie wirklich aus dir und deinem Herzen heraus, aus der Fülle deines Herzens.

Wenn du im Hunger nach Geliebtwerden im Außen etwas suchst, um diesen Hunger zu stillen, bleibt dieser Hunger trotzdem in dir bestehen. Das Außen kann ihn niemals wirklich auffüllen, weil du den Mangel weiterhin in dir trägst. Es wird nie genug sein, was von außen kommt – weil du es aus dem Mangelgefühl heraus suchst.

Wenn du es aber auf diese andere Weise machst, kommst du plötzlich in die Fülle. Die Liebe, die ja immer in dir da war, wird aktiviert. Du hattest nur keinen Zugriff darauf, weil du bisher auf dem falschen Weg gesucht hast. Durch dieses Raum halten, dieses Zulassen und Dasein lassen, wird die Liebe in dir spürbar. Das ist Liebe – nichts anderes.

Ich weiß es aus meiner eigenen Geschichte, als ich emotional abhängig von meinem Partner war. Anfangs wollte ich immer etwas von ihm haben – aus meinem Mangelgefühl heraus. Selbst wenn er mir zu 100 % präsent gegenüber war und mich ständig bestätigte, kam es nicht wirklich bei mir an.

Es war nie genug. Erst als ich mich in dieser Weise mir selbst zugewendet habe, konnte ich die Liebe in mir selbst fühlen. Und da habe ich plötzlich gemerkt, wie nährend das ist, wie heilsam – und wie frei es macht.

Fazit: Du bist der Ort, an dem Liebe beginnt

Wenn du dir selbst mit offener Präsenz begegnest, beginnt etwas in dir, das kein Außen je ersetzen kann. Diese innere Liebe ist stabil, unabhängig und immer zugänglich – und sie verändert, wie du dich selbst und andere erlebst.

Du kannst jetzt anfangen: Nimm dir Zeit, halte den Raum für dich selbst, und erlebe, wie aus der Sehnsucht nach „geliebt werden“ ein tiefes Gefühl von „geliebt sein“ wird.

FAQ – Was du vielleicht noch wissen willst

Kann ich bedingungslose Liebe auch von anderen bekommen?

Ja, das ist möglich – aber selten. Die meisten Menschen haben selbst nicht gelernt, bedingungslos zu lieben. Deshalb ist es so wertvoll, diese Liebe zuerst in dir selbst zu finden. Dann kannst du sie auch leichter im Außen erkennen und annehmen.

Wenn du dich trotz Zuwendung oder Anerkennung immer wieder leer oder nicht genug fühlst, ist das ein Hinweis. Mangel zeigt sich oft in ständiger Unruhe oder Anspannung, in Angst vor Verlust oder in dem Gefühl, dich beweisen zu müssen.

Fange klein an. Nimm dir wenige Minuten am Tag, um bewusst zu spüren, was gerade da ist – ohne es zu verändern. Wenn es dir schwerfällt, Gefühle direkt zu benennen, konzentriere dich zunächst nur auf deine Körperempfindungen.

Vielleicht spürst du Druck, Anspannung, etwas Festes oder Hartes, ein Ziehen oder etwas ganz anderes. Nimm es einfach wahr und lass es da sein. Manchmal hilft es, diese Empfindung zu beschreiben – als Form, als Farbe oder als etwas ganz Diffuses. Es gibt dabei kein richtig oder falsch. Alles, was du wahrnimmst, darf genau so da sein, wie es ist. Und wenn die Wahrnehmung diffus und undefiniert bleibt, ist auch das völlig in Ordnung – auch das kann einfach beobachtet werden.

Nein. Bedingungslose Liebe entsteht nicht dadurch, dass du erst „fertig“ bist, sondern dadurch, dass du dich jetzt schon annimmst – genau so, wie du gerade bist.

Das ist individuell. Manche spüren schon nach dem ersten bewussten Raumhalten eine Veränderung, andere brauchen mehr Zeit und Wiederholung. Entscheidend ist, dass deine Zuwendung ernst gemeint ist und von Herzen kommt.

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